Sanfte Krebsmedizin

In der ARTE-Doku Krebs: Das Geschäft mit der Angst ging es um die gefährlichen Folgen alternativer Behandlung. Man muss immer wieder vor den falschen Heilversprechen warnen:

Sanfte Medizin ist in. Auch bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs suchen Patienten nach einer Behandlung ohne Nebenwirkungen. Doch hinter dem schönen Schein verbirgt sich oft eine Medizin, die keine Wirkung zeigt.

Patienten und Angehörige sind in einer so schlimmen Situation bereit, alles für die Genesung zu geben. Sie zahlen viel Geld und erhalten dafür beispielsweise eine „energetische“ Behandlung, die zwar keine Wirkung hat, aber den Menschen Hoffnung gibt und Kraft schöpfen lässt. Jedoch wird eine alternative Behandlung nicht immer nur als Zusatz gesehen, sondern gefährlicherweise als echte Alternative mit den vermeintlich besseren Genesungschancen. Wo zahlungswillige Patienten nach Wegen suchen, einer Chemotherapie zu entkommen, finden sich auch Ärzte und Heilpraktiker, die alternative Therapien als alleinige Behandlungsform anbieten und anpreisen. Aufgrund von übertriebenen Heilsversprechen sind Patienten dann oft bereit, eine wirksame Therapie abzulehnen, wie die ARTE-Doku zeigt.

Die gezeigten Fälle treiben mir die Zornesröte ins Gesicht, in anderen Momenten schießen mir wieder Tränen in die Augen. Das Thema interessiert mich nicht nur als Skeptiker, sondern nimmt mich auch deshalb so mit, weil ich persönlich betroffen bin: Meine Mutter ist an Krebs erkrankt. Nach ihrer Diagnose haben sich Freundinnen und Verwandte zahlreich mit – sicherlich gut gemeinten – Ratschlägen gemeldet, an welche Therapeuten und Ärzte sie sich wenden solle. Das waren meist vergleichsweise harmlose Therapien wie Kinesiologie und Bioresonanz, die von Energetikern durchgeführt werden. Doch beim letzten Telefonat war ein ganz anderes Kaliber dabei, das der ARTE-Doku um nichts nachsteht. So schnell kanns gehen, und man kommt selbst mit der gezeigten Galvanotherapie, Aprikosenkernen und MMS in Kontakt.

Dr. Alexandra Koller

Alexandra Koller betreibt in Fürstenfeld in der Steiermark eine Ganzheitliche Ordination und bietet unter anderem eine Schwermetallausleitung an. Über sich selbst sagt sie, sie sei bewusst von der üblichen Sparte der Medizin weggegangen, weil sie das Gefühl hatte, Medizin müsse etwas anderes sein. Ihre Andersartigkeit stellt sie dabei gerne zur Schau: Auf ihrer Website verlinkt sie auf Infokrieger-Seiten. Weiters hält sie auf einschlägigen Veranstaltungen Vorträge, etwa nächste Woche bei der Gaudi-Wohlfühl-Messe unter dem Motto „Freie Energie trifft Weltraummedizin“, wo sie gemeinsam mit Größen der Scharlatanerie auftritt. Neben Quantenmedizin und Spontanheilungen durch informiertes Wasser verbreitet dort Helmut Pilhar die gefährliche Botschaft der Germanischen Neuen Medizin von Ryke Geerd Hamer.

Sanfte Krebsmedizin

Wie gefährlich diese Frau Koller ist, erzählt sie selbst in einem Vortrag über Sanfte Krebstherapie, der auf Youtube zu finden ist. Ihre Empfehlungen sind im Folgenden aufgelistet. Manche Aussagen habe ich sinngemäß mitgeschrieben und dem tatsächlichen Stand des Wissens gegenübergestellt. Dabei spricht sie sich immer wieder gegen die Schulmedizin und Chemo-Therapie aus und bestätigt auf Nachfrage aus dem Publikum:

„Die Therapien werden immer toxischer und die Überlebensraten nicht besser. Die große Masse wird mit Therapien zugeschüttet und es ist kein Behandlungserfolg da. Man hat nicht wegen der Zytostatika überlebt, sondern trotz der Zytostatika.“

Orthomolekulare Medizin

  • (Koller) Wir haben einen chronischen Vitaminmangel. Optimale Zellfunktion erreichen wir über die Gabe von wichtigen Mikronährstoffen.
  • (Wikipedia) Die Überdosierung der eingesetzten Vitalstoffe kann zu Gesundheitsschäden führen. Etliche Studien belegen, dass eine längerfristige hochdosierte Gabe von Vitaminen, wie sie in der orthomolekularen Medizin praktiziert wird, zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen und die durchschnittliche Lebenserwartung verkürzen kann. Die Annahme einer weitverbreiteten Mangelversorgung der Bevölkerung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist unzutreffend, die Annahme, viele Krankheiten würden auf ungesunde Ernährung zurückzuführen sein, ist falsch und die Annahme, dass viele Krankheiten durch Supplementierung geheilt werden könnten, ist irrig. Viele Kritiker sehen die orthomolekulare Medizin als Pseudowissenschaft an, die vor allem das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln fördere und durch die Hersteller von Supplementierungsprodukten unterstützt werde.

Chelat-Therapie

  • (Koller) Schwermetallbelastung wird von der Schulmedizin ignoriert.
  • (Wikipedia) Die Chelattherapie wird alternativmedizinisch zur Behandlung von subklinischen Schwermetallvergiftungen eingesetzt. Diese Anwendung ist nicht zugelassen, wissenschaftlich widerlegt und wird von Fachgesellschaften abgelehnt. Amerikanische und deutsche Ärzteverbände und die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA haben schon 1984 vor der Chelat-Therapie gewarnt. 1998 hat die Verbraucherzeitschrift der FDA die Chelattherapie in die Top Ten der als Gesundheitsschwindel erkannten Methoden eingereiht. Keine unabhängige wissenschaftliche Studie hat bislang einen Erfolg der Methode erwiesen.

Electro Cancer Therapy

  • (Koller) Je öfter man diese Therapie macht, umso mehr schrumpft der Tumor. Es machen auch Menschen, die sich für den rein alternativen Bereich in der Tumortherapie entschieden haben. Da verwende ich dann andere Chemo-Mittel, die das gesunde Gewebe nicht schädigen. (…) In Asien gibts diese ECT, da wird über den Darm endoskopisch therapiert. Also da bleibt so manche Operation erspart.
  • (Psiram) ECT ist eine alternativmedizinische Methode ohne Wirksamkeitsnachweis zur Behandlung von Krebserkrankungen. Befürworter dieser wissenschaftlich nicht anerkannten Methode glauben mitunter, dass durch die Anwendung der ECT herkömmliche bewährte Verfahren überflüssig seien. Dadurch können Patienten davon abgehalten werden sich einer sinnvollen Therapie zu unterziehen. Als Nebenwirkung können Verbrennungen ersten Grades mit oder ohne Brandblasen auftreten.

Laetril

  • (Koller) Ich verwende häufig das Laetril, das ist der Wirkstoff aus den Aprikosenkernen (Blausäure). Dieses Cyanid macht keine Schäden im Körper. Das Laetril wird über die Vene infundiert, während der Infusion wird der Strom durch die Tumorherde geleitet. Dazwischen wird das Laetril hochdosiert in Tablettenform geschluckt.
  • (Psiram) Amygdalin wird manchmal in der Alternativmedizin als mögliches Allheilmittel gegen Krebs eingesetzt und entsprechende Produkte werden mit unhaltbaren Heilversprechen beworben und kommerziell vermarktet, obwohl es keinerlei Zulassung für Amygdalin als Arzneimittel gibt. Die Preise betragen bis zu 25 €/kg. Pharmakologen halten es für ein unseriöses „Wundermittel“. Amygdalin wird in Deutschland als ein bedenklicher Arzneistoff angesehen. Herstellung, Einfuhr und Handel sind nicht erlaubt. Die Abgabe von Amygdalin für den Gebrauch beim Menschen durch Apotheker ist strafbar im Sinne des §5 Arzneimittelgesetz und kann auch ohne konkreten Schadensfall strafrechtlich verfolgt werden.

Breuß-Diät

  • (Koller) Mit dabei ist nicht nur die orthomolekulare Medizin sondern auch ein Ernährungsprogramm. Was sich sehr hilfreich gezeigt hat, ist die Breuß-Kur. Die lässt den Tumor schrumpfen.
  • (Wikipedia) Die Methode entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, die Krebsdiät wird von der Fachwelt nicht nur als unwirksam, sondern sogar als gesundheitsschädlich eingestuft. Eine länger andauernde Hungerkur kann zu einer zusätzlichen Schwächung der körpereigenen Immunabwehr führen. Die Breuß-Diät ist keine ausgewogene Ernährung. Sie kann bei krebskranken Menschen zu einer lebensbedrohlichen Auszehrung führen. Die österreichische Krebsgesellschaft urteilte über die Breuß-Diät: „Diese absurde Diät zeigt keinerlei Heilerfolge, sondern beschleunigt das Ableben!“

CleanUpWater

  • (Koller) CUW ist der Nachfolger vom MMS. Es wird oral oder als Infusion gegeben. Man soll es als Darmreinigungskur konzentriert einnehmen, jede Stunde ein paar Tropfen.
  • (Wikipedia) Unter dem Namen Miracle Mineral Supplement (MMS) wird eine giftige Lösung von 28 % Natriumchlorit in Wasser vertrieben. MMS wird fälschlicher- und gefährlicherweise als Wundermittel für verschiedene Anwendungen vertrieben: Etwa als Nahrungsergänzungsmittel und alternatives Antibiotikum mit vorbeugenden oder gar heilenden Wirkungen gegenüber Krankheitserregern (z. B. Malaria) bis hin zur Behandlung von Krebserkrankungen, AIDS, Autismus und Demenz. Bei dieser umstrittenen Therapiemethode wird Natriumchloritlösung verabreicht, in welcher durch Zumischen von Citronensäure das hochreaktive giftige Chlordioxid freigesetzt wird, das normalerweise zu Desinfektionszwecken oder zum Bleichen verwendet wird. Die Behandlung mit MMS wird als Quacksalberei eingestuft. Mehrere Gesundheitsbehörden haben inzwischen vor MMS gewarnt und teilweise auch konkrete Maßnahmen zum Verbraucherschutz ergriffen.

Weiters empfiehlt Frau Koller vergleichsweise unspekakuläre Behandlungen wie PEMF (pulsierende Magnetfeldtherapie). Sie sieht eine Ursache der Krebsentstehung in der Übersäuerung des Körpers, wodurch eine Infektion begünstigt wurde. Daher steht Kolloidales Silber am Programm. Chlorophyll-Präparate dienen dem Abbau der Übersäuerung. Weitere Entgiftungsmaßnahmen umfassen Gerstengrasextrakt und Acaibeerensaft.

Frau Koller vertreibt selbst das NovaVitalis Kristallwasser – Wasser, das eigentlich nicht mehr kann als normales Wasser, aber garniert mit Heilversprechen teuer vermarktet wird. Frau Koller rührt kräftig die Werbetrommel: „Es unterliegt einem speziellen Herstellungsverfahren und ist 144 Tage gereift, es wird mit 40 verschiedenen Kristallen angereichert unter ständigem Durchfluss. Diese Kristalle sind speziell geschliffen, wir sprechen von strukturiertem Wasser mit besonderer Wirkung auf unsere Zellen. Es geht sofort vom Darm in die Zellen hinein und es hat wichtige Entgiftungsfunktionen. Es ist nicht einfach Wasser! Es hat seine Spezialität bei Tumor- und Viruserkrankungen, Schwerkranke sollten flüssiges Kristallwasser mit einem Tonikum kombinieren.“ Die Kristallwasser-Essenz ist bei Frau Koller direkt erhältlich, und zwar um stolze 37 Euro pro 0,75 Liter.

Eine Alternative zur Alternative

Es ist verständlich, dass Erkrankte selbst aktiv werden wollen, um zu ihrer Genesung beizutragen. Doch nicht immer sind zusätzliche Therapien sinnvoll. In besonders schlimmen Fällen von selbsternannten Heilern können solche Angebote nicht nur sehr teuer, sondern auch gefährlich sein. Viele Menschen sehnen sich in einer schweren Situation nach Zuwendung und Zeit, die sie im Krankenhausbetrieb nicht erhalten. Doch diese Zuwendung muss man sich nicht beim Alternativmediziner kaufen. Psychoonkologische Beratung erhält man beispielsweise bei der Österreichischen Krebshilfe, die sich die Unterstützung von Patienten und Angehörigen in dieser schwierigen Lebenslage zur Aufgabe gestellt hat.

Kostenlos und anonym werden Patienten und deren Angehörige persönlich betreut – bei der Verarbeitung der Diagnose Krebs, als Krisenintervention, wenn es „scheinbar nicht mehr geht“ sowie als Unterstützung und Begleitung im Alltag, da es manchmal notwendig ist, neue Gewohnheiten zu erlernen. Dabei sind alle Fragen, alle Gefühle erlaubt.

In Deutschland bietet die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. professionelle Unterstützung für Krebskranke. Es gibt solche Angebote, bitte nutzt sie auch!


Nachtrag: Facebook-Gruppe

Auf Facebook gibt es die Gruppe „Lebensfit.Medizin Dr. Alexandra Koller“ mit derzeit 770 Fans. Unter dem Namen Lebensfit gibt es in Fürstenfeld ein Fitnessstudio, das humanenergetische Leistungen anbietet und Nahrungsergänzungsmittel vertreibt. In der Gruppe, die von Gernot Gauper administriert wird, erfährt man aktuelle Angebote aus der Praxis von Alexandra Koller. Ich habe die Themen der Statusmeldungen und verlinkten Artikel herausgeschrieben. Die Botschaft ist klar: Chemotherapie tötet! Lasst euch von Frau Dr. Koller therapieren!

Korruption in der Pharmaindustrie, unterdrückte Heilpflanzen, Energiemedizin, Orthomolekularmedizin, Kristallwasser, natürliche Krebsheilung, Orgon als Lebensenergie, Heilkraft von Vitamin D, Ionen-Generator-Kabine, Freie Energie, Chemotherapie verkürzt die Lebensdauer, NLP-Ausbildungen, MMS, Synergy-Nahrungsergänzungsmittel, Chemo-Krebsärzte sind Mörder, Chemo-Erfolgsquote 2%, Kolloidales Silber = Antibiotikum ohne Nebenwirkungen, elektromagentische Waffen, die Wahrheit hinter Diabetes, Quer-Denken-Kongress, mit Chemotherapie sterben Krebspatienten schneller als ohne Behandlung, Erdheilungsritual, Impfen erzeugt Autismus, die 5 biologischen Naturgesetze entdeckt von Ryke Geerd Hamer, Nebenwirkungen der Masernimpfung sind ein Bombengeschäft für die Pharmaindustrie, exotische Fruchtkerne töten Tumore innerhalb von Minuten, MMS gegen Alzheimer, Krebs in Israel eine Ausnahmeerscheinung, Skalarwellen und die verschwiegene gefahr, Regierung gibt zu: Impfungen verursachen Autismus, Chemotherapie fördert das Tumorwachstum, die größte Pharmaverschwörung aller Zeiten, Kinder sterben nach Sechsfachimpfung, natürliches Heilmittel Natron, Krebs mit natürlichen Methoden heilbar, Entgiftung des Körpers, die seelischen Ursachen der Krankheiten nach der Germanischen Neuen Medizin, Studie entlarvt Chemotherapie als Schwindel, Chemotherapie reduziert den Behandlungserfolg bei Krebs, mehr Krebszellen wachsen bei Chemotherapie, die Wahrheit über die Chemotherapie, der gewollte Krebs, Sauerstoffenergie-Therapie Airnergy, Wasserstoffperoxid ein medizinisches Wundermittel, die verschwiegene Wahrheit über Krebs, die Lügen in der Medizin, ADHS durch Impfungen, MMS – warum die Massenmedien in die Irre führen, erstaunliche krebshemmende Eigenschaften von Löwenzahn, Krebs – ein Geschäftsmodell, neues Bewusstsein in der Quantenphysik, Bioresonanz-Informationsmedizin, Qi-Energy-Platte in der Ordination, Medikamente tödlicher als Raubtiere und alle illegalen Drogen zusammen, russische Heilgeheimnisse, Blutbehandlungen, ungeimpfte Kinder sind gesünder, Chemtrails: Krebs soll bewusst gefördert werden, Lebensmitteltest mittels Photonenscanner, Grippe-Impfstoff unter Krebs-Verdacht, Krebs heilen mit Cannabis, Studienkreis Germanische Heilkunde, Chemtrails und die Folgeerscheinungen,  komplementäre Krebsmedizin, RoundUp verursacht Krebs, Carotinoid-Status mit dem Lebensmittelscanner in der Praxis austesten.

Master of Nahrungsergänzungsmittel

Heute bin ich auf eine dreiteilige Seminarreihe aufmerksam gemacht worden. Der Vortragende Dr. Markus Stark spricht dabei über Steinzeiternährung, Entgiftung, den Darm, das Immunsystem und Cholesterin. Ein Herr Doktor, der über Medizin, Ernährung und Gesundheit spricht, mag viele gesundheitsbewusste Menschen beeindrucken. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch: Es geht wieder einmal nur um den Verkauf von teuren Nahrungsergänzungsmitteln.

Nahrung als Medizin

Auf seiner Website nahrung-als-medizin.eu (dort gibt es sein gleichnamiges Buch zu bestellen) präsentiert sich der Vortragende mit vollen Namen und Würden: Mag. Dr. Markus Stark M.kPNI, fallweise auch Mag. Dr. Markus Stark MSc. Er stellt sich als Dozent für klinische Psycho-Neuro-Immunologie und Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Leistungsdiagnostik vor. Als Dozent ist der Mann doch sicher ein angesehener Mediziner mit profundem Fachwissen in seinem Spezialgebiet Immunologie – könnte man meinen. Doch mit Medizin hat der werte Herr eigentlich gar nicht so viel am Hut, wie man angesichts der wissenschaftlich klingenden Begriffe vermuten würde. Er ist nämlich gar kein Arzt und hat auch nicht Medizin studiert, sondern seinen Magister und Doktor in Sportwissenschaften erworben. Den beeindruckenden Master in klinischer Psycho-Neuro-Immunologie wollen wir später noch genauer unter die Lupe nehmen.

Ein fehlendes Medizinstudium hindert natürlich niemanden daran, Patienten zu behandeln. In Deutschland gibt es dafür den Heilpraktiker und in Österreich den Humanenergetiker. Energetiker müssen keinerlei Ausbildung vorweisen, es handelt sich um das „freie Gewerbe der Hilfestellung zur Erreichung einer körperlichen bzw. energetischen Ausgewogenheit“. Markus Stark hat eine aufrechte Gewerbeberechtigung als Humanenergetiker. In einer persönlichen Einzelstunde kann man sich bei ihm beraten lassen, diese kostet beim Ersttermin 100-150 Euro. Korrekterweise führt er auch folgenden rechtlichen Hinweis auf seiner Website an:

Es findet beim persönlichen Kliententermin eine energetische Beratung unter Zuhilfenahme der erlaubten Methoden statt. Die Maßnahmen stellen keine Heilbehandlung dar, sondern dienen der Harmonisierung körpereigener Energiefelder. Dieses Gespräch ist kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Für eine Diagnoseerstellung und Therapie wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Für Laboruntersuchung und Diagnosen wenden Sie sich an einen der Partnerärzte.

Worüber er mit seinen Klienten wohl spricht? Eine persönliche Beratung dürfte er nämlich gar nicht anbieten, denn die Ernährungsberatung ist in Österreich für die einzelnen Berufsgruppen gesetzlich geregelt:

  • Der medizinische Bereich ist Ärzten und Diätologen vorbehalten. Nur diese dürfen kranke und krankheitsverdächtige Personen behandeln.
  • Die nicht-medizinische individuelle Ernährungsberatung steht auch Ernährungswissenschaftern offen. Diese haben Ernährungswissenschaften studiert und dürfen ausschließlich gesunde Menschen beraten. Der entsprechende Gewerbeschein lautet auf “Lebens- und Sozialberatung, eingeschränkt auf Ernährungsberatung”.
  • Auch Energethiker bieten häufig Ernährungsberatung an. Dies ist nur dann zulässig, wenn es sich nicht um eine individuelle Beratung bei persönlichen Ernährungsproblemen handelt, sondern um eine allgemeine Vermittlung von Kenntnissen oder einfache Tätigkeiten wie Kochkurse und Kalorienzählen.

Bullshit-Detektor

Auf der Website von Markus Stark macht sich seine fehlende medizinisch-wissenschaftliche Qualifikation schnell bemerkbar, der Bullshit-Detektor schlägt recht schnell an. Er preist die fragwürdige Steinzeitdiät als natürlichste Form der Ernährung an und macht Werbung für Entgiftungskuren, die aufgrund des modernen Lebens, Elektrosmog und degenerierten Lebensmitteln nötig wären. Er spricht vom Leaky-Gut-Syndrom und macht Getreide und Milch für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich. In seinen Literaturverweisen verlinkt er auf den Kopp-Verlag und die Deutschen Wirtschafts Nachrichten, um Wissenschafts- und Pharma-Bashing zu betreiben.

Klinische Psycho-Neuro-Immunologie

Der Begriff klingt zwar wissenschaftlich, ist es aber ganz und gar nicht. Im Rahmen der klinischen Psycho-Neuro-Immunologie (kPNI) wird die wissenschaftlich unhaltbare Hypothese verbreitet, dass sämtliche chronischen Beschwerden des Menschen ursächlich auf Entzündungsprozesse zurückgingen, bei denen käuflich zu erwerbende Nahrungsergänzungsmittel helfen sollen. Verwechslungsgefahr besteht mit der Psychoneuroimmunologie, die es tatsächlich als wissenschaftliches Fachgebiet gibt. Das kleine Wörtchen „klinische“ macht den Unterschied. Die kPNI wird von der Natura Foundation verbreitet, die Lobbyismus für orthomolekulare Nahrungsergänzungsmittel betreibt und Ausbildungen in kPNI organisiert. Inhaber der Natura Foundation ist das Unternehmen Bonusan B.V., ein niederländischer Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Natura Foundation bietet in Deutschland über die Deutsche Gesellschaft für kPNI e.V. und in Österreich über die Österreichische Gesellschaft für kPNI Ausbildungen zum Therapeuten in kPNI an. Markus Stark wird in diesen beiden Vereinen übrigens als „wissenschaftlicher“ Beirat bzw. Obmann-Stellvertreter geführt.

Die Natura Foundation hat es auch geschafft, an der spanischen Universität Girona und an der Universität Graz ein Masterprogramm für klinische Psycho-Neuro-Immunologie unterzubringen, das mittlerweile jedoch wieder eingestellt wurde (siehe die Meldungen der Natura Foundation und kPNI e.V.). Einen Master mit ähnlichem Renommée kennen wir bereits: den Master of Science in Homöopathie. Leider versuchen Anbieter alternativer Heilverfahren immer wieder, Studiengänge an Hochschulen zu bringen um ihnen einen akademischen Anstrich zu verleihen, auch wenn diese wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werden. Die Universität Graz bietet etwa unter der Marke UNI for LIFE berufsbegleitende Aus- und Weiterbildungsprogramme mit universitärem Abschluss. Dabei wird „hohe berufliche Verwertbarkeit garantiert. Aktuelle Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und Trends aus Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft fließen stetig in unsere Programme ein.“ Wir können also sagen: Markus Stark hat einen Master eines niederländischen Anbieters von Nahrungsergänzungsmitteln erworben. Gratulation dazu!

Auch die Bezeichnung Dozent erscheint nun in einem anderen Licht. Er unterrichtet nicht etwa an einer Hochschule oder gar an einer medizinischen Fakultät, sondern gehört einfach dem privaten Dozententeam der Natura Foundation an. Besondere medizinische und ernährungswissenschaftliche Qualifikationen sind dafür anscheinend nicht erforderlich: Die meisten Dozenten sind Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder Sportwissenschaftler. Und natürlich Therapeuten für klinische Psycho-Neuro-Immunologie.

Dr. Stark GmbH

Wer denkt, dass Vorträge halten, Bücher schreiben und Humanenergetik die einzigen Betätigungsfelder von Markus Stark sind, der unterschätzt den Unternehmergeist dieses Mannes. Unter der „Dr. Stark GmbH“ führt er mehrere Gewerbeberechtigungen:

  • Durchführung von Veranstaltungen
  • Handel mit Lebensmitteln
  • Frühstückspension
  • Humanenergetiker
  • sportwissenschaftliche Beratung

Für seine Vorträge besitzt er praktischerweise ein eigenes Seminarhotel namens Evosan, das Zentrum für evolutionäre Gesundheit. Dort bietet Markus Stark etwa ein kPNI-Seminar um 498,- Euro oder eine Steinzeit-Entgiftungswoche um 798,- Euro an. Zu dieser „Investition“ kommt noch die Unterbringung um 90,- Euro pro Nacht für ein Doppelzimmer bzw. 55,- in Einzelbelegung. Unter der Marke Naturesan bietet er weiters ein Konzept für Nahrungsergänzungsmittel an. Man kann auch selbst als Partner aktiv werden und diese Mittelchen vertreiben, passend dazu wird der Naturesan-Praktiker um wohlfeile 798,- offeriert. Von wem die Dr. Stark GmbH diese Mittel bezieht, können Sie sich wahrscheinlich denken: von der niederländischen Firma Bonusan, der Inhaberin der Natura Foundation.

TL;DR

Unter dem Vorwand eines Gesundheitsvortrages versucht ein Energetiker gesundheitsbewusste Menschen davon zu überzeugen, dass sie an versteckten Entzündungen leiden würden, die sie nur durch den Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln heilen könnten. Klinische Psycho-Neuro-Immunologie ist keine Wissenschaft, sondern wird von einem niederländischen Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln propagiert und in teuren Seminaren verbreitet.

Entgiftung nach der Narkose

Man könnte der Alternativmedizin zugute halten, dass sie es schafft, gläubige Patienten zu beruhigen und ihnen Hoffnung und Zuversicht zu schenken, obwohl sie keine spezifische Wirkung hat. Jedoch kann sich dieser Placeboeffekt schnell ins Gegenteil verkehren, wenn Verkäufer alternativmedizinischer Mittelchen nicht das Wohl der Patienten in den Mittelpunkt stellen, sondern durch Angstmache versuchen, die Verkäufe anzukurbeln. Eine einträgliche Strategie ist es, Menschen eine Angst vor angeblichen Umweltgiften einzuflößen und eine entsprechende Therapie zur Ausleitung dieser Gifte anzubieten. Besonders dreist wird es, wenn schwerkranken Patienten eingeredet wird, medizinische Behandlungen seien schädlich, und diese dann im Glauben, Alternativmedizin sei tatsächlich eine Alternative, auf notwendige Behandlungen verzichten. Alternativmedizin ist nicht immer harmlos!

Angst vor der Narkose

Ein Mythos, der in alternativmedizinischen Kreisen gerne gepredigt wird, ist die Notwendigkeit, nach einer Narkose den Körper zu entgiften, um die Giftstoffe der Narkosemittel auszuleiten. Ohne Entgiftung würden die Gifte ein Jahr lang im Körper verbleiben. Meine Mutter hat diese Behauptung etwa in einem Reformhaus aufgeschnappt und im alternativmedizinischen „Ratgeber“ Praxis Spagyrik gelesen. Zu den Sorgen über die eigentliche Krankheit gesellen sich so noch unberechtigte Ängste vor der lebensrettenden Behandlung. Patienten, die sich vor einer bevorstehenden Narkose fürchten, seien diese beiden Artikel nahegelegt:

Die Frage nach der Verweildauer der Narkosemittel wird in diesen beiden Artikeln bereits erläutert:

Darf ich gleich nach der Narkose wieder essen und trinken?
„Besser wäre, ein, zwei Stunden zu warten, bis man etwas isst oder trinkt“, empfiehlt Ilias. Zumindest so lange, bis der Körper die Narkosemittel wieder abgebaut hat und die Leber nicht mehr damit belastet ist, sollte man keinen Alkohol trinken: Der Abbau der Mittel dauert je nach Intensität der Narkose zwei bis zwölf Stunden.

Wenige Minuten nach Operationsende – schon im Aufwachraum ist der Patient bereits wieder ansprechbar – und hat kaum eine Erinnerung an den Narkosebeginn. Die gasförmigen Narkotika werden innerhalb kürzester Zeit wieder abgeatmet, die intravenös verabreichten Pharmaka wie z.B. Barbiturate baut die gesunde Leber innerhalb von 12 Stunden ab.

Mit zwei bis zwölf Stunden sind wir weit entfernt von der angeblichen Dauer von einem Jahr und können den Mythos als solchen entlarven. Wir wollen es aber noch genauer wissen und befragen die Fachliteratur:

  • Michael Freissmuth, Stefan Offermanns, Stefan Böhm: Pharmakologie und Toxikologie. Von den molekularen Grundlagen zur Pharmakotherapie. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2012, S. 246-248.

Pharmakologische Grundlagen der Narkose

Narkotika werden eingesetzt, um einen Zustand herbeizuführen, der chirurgische oder diagnostische Eingriffe unter Aufhebung der Schmerzempfindung, des Bewusstseins und des Erinnerungsvermögens erlaubt, die lebenswichtigen Funktionen jedoch aufrecht erhält. Narkotika werden nach deren Applikationsart in Injektionsnarkotika und Inhalationsnarkotika unterteilt. Zur ausreichenden Muskelrelaxation und Reflexdämpfung werden zusätzlich Muskelrelaxanzien verabreicht.

Die Begriffe Narkose und Anästhesie bzw. Narkotika und Anästhetika werden weitgehend synonym verwendet. Wirkstoffe können auf zwei Arten zugeführt werden: Inhalationsnarkotika werden über die Atemwege appliziert und möglichst ohne Verstoffwechslung wieder abgeatmet. Injektionsnarkotika werden intravenös zugeführt und über die Leber und Niere ausgeschieden. Diese wollen wir im Folgenden genauer betrachten.

Injektionsnarkotika

Injektionsnarkotika sind lipophil und wirken schnell, da sich die Wirkstoffe sofort an die lipophilen Anteile des zentralen Nervensystems anlagern. Danach erfolgt allerdings rasch eine Umverteilung in andere Gewebe wie Muskulatur und schließlich ins Fettgewebe. Die Dauer der narkotischen Wirkung ist daher nur kurz. Um die Narkose aufrechtzuerhalten, ist ein gewisser Plasmaspiegel erforderlich, daher müssen die Wirkstoffe kontinuierlich zugeführt werden. Die Geschwindigkeit der Umverteilung ist aber nicht konstant, sondern wird durch die in der Peripherie gespeicherte Menge, die Lipophilie des Wirkstoffs und die Metabolisierungsrate bestimmt.

Kontextsensitive Halbwertszeit

Das heißt, dass die Wirkdauer einer Narkotikagabe von der bereits verabreichten Menge abhängt. Eine spätere Verabreichung derselben Menge kann den für eine Narkose erforderlichen Plasmaspiegel länger halten als die erstmalige Gabe. Man spricht hier von einer kontextsensitiven Halbwertszeit. Sie gibt die Zeit an, in der die Konzentration eines Wirkstoffs im Blutplasma auf die Hälfte sinkt, und zwar in Abhängigkeit der bisherigen Dauer bzw. verabreichten Menge der Narkose. Je länger eine Narkose andauert, desto länger ist diese Halbwertszeit. Im Falle von Thiopental beträgt sie zu Beginn nur 5-15 Minuten, nach einer 8-stündigen Narkose hingegen ca. 200 Minuten.

Eliminationshalbwertszeit

Für unsere Fragestellung interessanter ist die Eliminationshalbwertszeit. Sie gibt an, wie lange der Körper braucht, bis er die Hälfte der ursprünglichen Wirkstoffmenge eines Arzneimittel über den Stuhl oder Harn tatsächlich ausgeschieden hat. Für Injektionsnarkotika werden folgende Werte angegeben:

  • Methohexital: 4 Stunden
  • Thiopental: 12 Stunden
  • Etomidat: 3 Stunden
  • Ketamin: 3 Stunden
  • Propofol: 2 Stunden

Exponentielles Zerfallsmodell

Wenn nach einer Halbwertszeit die Hälfte abgebaut ist, bedeutet das nicht, dass der Wirkstoff nach zwei Halbwertszeiten vollständig ausgeschieden ist. Da in einer Halbwertszeit immer 50% der noch vorhandenen Menge abgebaut werden, verläuft der Prozess zunächst rasch und dann immer langsamer. Das heißt, während der zweiten Halbwertszeit wird die Hälfte der verbliebenen Hälfte aus der ersten Halbwertszeit ausgeschieden, also ein Viertel. Somit ist nach 2 Halbwertszeiten noch 1/4 der ursprünglichen Menge übrig, nach 3 Halbwertszeiten noch 1/8, und so weiter. Der Abbau der Wirkstoffmenge lässt sich durch ein exponentielles Zerfallsmodell beschreiben:

m(t) = M * e^(-k*t)

Aus der ursprünglichen Wirkstoffmenge M können wir damit die Wirkstoffmenge m(t) nach t vergangenen Stunden berechnen. Die Eliminationskonstante k ergibt sich aus der Eliminationshalbwertszeit:

k = ln(2) / Eliminationshalbwertszeit

Wenn wir uns beispielsweise fragen, nach welcher Zeitdauer 99% des Wirkstoffes abgebaut sind, erhalten wir rechnerisch folgende Werte:

  • Methohexital: 27 Stunden
  • Thiopental: 80 Stunden
  • Etomidat: 20 Stunden
  • Ketamin: 20 Stunden
  • Propofol: 13 Stunden

Die meisten Wirkstoffe werden also innerhalb eines Tages fast vollständig abgebaut und nach der Entlassung aus dem Krankenhaus besteht kein Grund für eine „Entgiftung“! Mit diesem Modell können wir natürlich auch berechnen, wie viel Wirkstoffmenge theoretisch nach einem Jahr (entspricht 8760 Stunden) noch übrig ist. Die Ergebniswerte sind dermaßen klein, dass ich sie zum besseren Verständnis in homöopathischen Verdünnungen angegeben habe.

  • Methohexital: 5,6 mal 10 hoch minus 660, entspricht D660 oder C330
  • Thiopental: 1,8 mal 10 hoch minus 220, entspricht D220 oder C110
  • Etomidat: 9,8 mal 10 hoch minus 880, entspricht D880 oder C440
  • Ketamin: 9,8 mal 10 hoch minus 880, entspricht D880 oder C440
  • Propofol: 30,8 mal 10 hoch minus 1320, entspricht D1320 oder C660

Um diese Größenordnungen besser einordnen zu können: In Homöopathika ist ab der Verdünnung D23 bzw. C12 kein einziges Wirkstoff-Molekül mehr enthalten.

Mein Weg zu den Skeptikern

Heute möchte ich meine private Geschichte erzählen, wie ich zur Skeptikerbewegung gefunden habe und wieso ich mich heute für Wissenschaft und kritisches Denken einsetze.

Diagnose: Krebs

Die Krebsdiagnose meiner Mutter läutete für unsere Familie eine schwere Zeit ein. Ihre Erkrankung kam für uns alle aus heiterem Himmel. Sie konnte sich nicht erklären, wieso es gerade sie traf, schließlich ernährte sie sich gesund und lebte im Einklang mit der Natur. Als erster Übeltäter wurde die Mikrowelle ausgemacht: Wie konnte sie nur so blöd sein und darin Speisen aufwärmen, wo doch jeder weiß, wie schädlich das ist? Der Mikrowellenherd wurde aus der Küche verbannt.

(mehr …)

Hirschhausens Quiz des Menschen

In der heutigen Sendung von Hirschhausens Quiz des Menschen widmete sich Eckart von Hirschhausen erfreulicherweise auch einigen Skeptiker-Themen. Die Sendung ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar. Gleich der erste Themenblock befasste sich intensiv mit dem Placeboeffekt und den eindrucksvollen Selbstheilungskräften des Menschen:

  • Placebos wirken sogar dann, wenn Patienten wissen, dass sie ein Scheinmedikament einnehmen.
  • Ein Placebo kann Symptome verschlimmern und Nebenwirkungen hervorrufen.
  • Der Placebo-Effekt tritt auch bei Operationen ein, die nur zum Schein durchgeführt werden.

Der Nocebo-Effekt wurde anhand eines Handymastens erklärt. Wenn Menschen Angst vor Handystrahlen haben, schlafen sie schlechter, auch wenn der Mast gar nicht sendet. Zu den Scheinoperationen wurde auf die amerikanische Studie zu Kniearthrose-Patienten verwiesen, bei denen sich auch ohne Operation ein gleichwertiger Therapieerfolg einstellte.

Hirschhausen nahm Anbieter von Placebo-Produkten aufs Korn und präsentierte sein Biophotonen-Energiearmband mit Anti-Aging-Funktion. Mittels kinesiologischem Muskeltest wurde die Kraft des Powerbands demonstriert: Ohne Armband ließ sich eine Person auf einem Bein stehend aus dem Gleichgewicht bringen, als Hirschhausen am ausgestreckten Arm nach unten drückte – mit Armband hingegen blieb sie standhaft. (Wer’s noch nicht kennt: Beim ersten Mal drückt man senkrecht zu Boden oder vom Körper weg, beim zweiten Mal zum Körper hin.)

Einen Seitenhieb auf die Alternativmedizin gabs schließlich noch in einem Quiz, bei dem es um das erreichte Alter von verstorbenen Persönlichkeiten ging.

Steve Jobs ist einen tragischen Krebstod gestorben, tragisch auch deswegen, weil er sich, als er die Diagnose bekam, dafür entschieden hat, sozusagen alternativ zu behandeln. Er hat die Operation erstmal verweigert und nach allem medizinischen Wissen, hätte er sich erst operiert und danach alternativ/komplementär alles zusätzlich gemacht, hätte er länger leben können. Er hat das in seiner Biographie veröffentlicht, deswegen darf man darüber reden. Eines der Dinge, die er sehr bereut hat. Also: Die Medizin hat oft Möglichkeiten, die wirksam sind, und die sollte man natürlich auch alle nutzen. Was wäre das digitale Zeitalter ohne Steve Jobs, er wurde tatsächlich nur 56 Jahre.

Man hätte dies wohl etwas prägnanter formulieren können (und gängige Placebo-Behandlungen beim Namen nennen), dennoch ist es Eckart von Hirschhausen gut gelungen, Kritik an den Pseudowissenschaften im Unterhaltungsprogramm unterzubringen.

Mit der Kronen-Zeitung falsche Kondensstreifen erkennen

Bereits vor zwei Wochen beschäftigte sich die Kronen-Zeitung auf einer Doppelseite (Sonntag, 31.5.2015, S. 34/35) mit dem Thema Geo-Engineering und befragte dabei Dr. Viktor Bruckman von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auch über Chemtrails.

Zu den heftig umstrittenen „Chemtrails“ (mit Chemie versetzten Kondensstreifen) hat Bruckman eine klare Meinung: „Die gibt es nicht. Das sind Kondensstreifen, deren aktuelle Ausprägung sich leicht durch atmosphärische Messungen erklären lässt.“ Was ihn sicher macht: „Eine chemische Manipulation der Menschheit weltweit zu koordinieren und alle Airlines ins Boot zu holen, wäre kaum möglich.“

Dennoch sehen viele Chemmies den Krone-Artikel als Bestätigung ihrer Verschwörungsmythen, denn wenn sogar die auflagenstärkste Zeitung Österreich darüber berichtet, muss doch etwas dran sein! Mit ihrem Schlusssatz schafft es die Kronen Zeitung auch, Angst vor der entarteten Wissenschaft zu schüren und den Leser in Unsicherheit zurückzulassen.

Viele bleiben dennoch skeptisch, denn von Gen-Technologie bis zu Keimbahnmanipulation und geklontem Leben wird man den Verdacht irgendwie nicht los, dass längst mehr gemacht wird, als eigentlich gemacht werden dürfte.

In der Sonntagsausgabe vom 14.6.2015 legt die Kronen Zeitung aufgrund der großen Leser-Resonanz noch einmal kräftig nach und sät mit einer Doppelseite (S.32/33) über das „unheimliche Himmelslabor“ weitere Zweifel, ob nicht doch etwas vertuscht wird. Eine bebilderte Anleitung soll helfen, echte und falsche Kondensstreifen auseinander zu halten.

Nach dem Erscheinen unseres Berichts meldeten sich übrigens viele Leser, die meinen auch in ihrer nächsten Umgebung verdächtige Streifen am Himmel gesehen zu haben, die nur aufs Erste Ähnlichkeit mit Kondensstreifen haben. Während klassische Kondensstreifen sehr schmal sind und schnell verschwinden, wirken die anderen wie mit der Spraydose in den Himmel gesprüht. Letztere Variante unterscheidet sich dadurch, dass die Streifen nicht verschwinden, sondern im Gegenteil breiter werden und zu einem Schmierfilm und diffuser Bewölkung werden, aus der es später abregnet.

Künstliche Wolken verbleiben lange in der Luft, wobei sich die Streifen je nach Windstärke und Richtung in die Breite ziehen. Diese trüben das Himmelblau als weiß-grauer Schmierfilm. Normale Kondensstreifen bestehen aus Wasserdampf, Kohlendioxyd und Rußpartikeln. Sie lösen sich oft schon nach wenigen Sekunden auf und sind im Gegensatz zu den anderen geradlinig und nur einige Flugzeuglängen lang.

Und auch hier positioniert sich die Krone im letzten Absatz noch schnell als Gentechnikgegner:

Umstrittene Technologien, wie Geo-Engineering, Fracking und Genmanipulation, sind in den USA gang und gäbe. In Europa hingegen herrscht zumindest offiziell noch gesunde Skepsis.

Gesunde Skepsis brauchen vor allem auch die Krone-Leser, schließlich ist es ja nicht das erste Mal, dass die Kronen-Zeitung auffällig wird.

Scans:

Talk im Hangar-7 über Alternativmedizin

Über das Thema „Alternativmedizin: Heilmittel oder Hokuspokus?“ diskutierten gestern beim Talk im Hangar-7 auf ServusTV der Quantenphysiker Florian Aigner, der Pharmazeut Edmund Berndt und die Psychologin Ulrike Schiesser mit den Homöopathen Michael Frass und Evemarie Wolkenstein sowie Pharmavertreter Robin Rumler.

Von TV-Diskussionen über Homöopathie erwarte ich mir an sich ja keinen großartigen Informationsgewinn. Man kennt die Teilnehmer und deren Argumente, die allesamt bereits anderswo in ähnlicher Form angeführt wurden, und am Ende fühlen sich sowohl die Befürworter als auch die Gegner in ihrer Meinung bestätigt. Ich habe mir die Sendung trotzdem angesehen, denn im Vorfeld wurden in diese Runde ob der starken Präsenz der Skeptiker hohe Erwartungen gesetzt.

Glaubt man den Kommentaren in der Facebook-Gruppe Wissenschaft und Skeptizismus, hätte es nicht besser laufen können. Man liest, dass sich die Homöopathen selbst widersprechen, unbelegte Behauptungen aufstellen und keine guten Argumente haben. Nur ein User merkt an, dass sie leider dennoch die besseren Argumente hätten: „Billige, populistische, unlogische Argumente, die von der Masse sofort geschluckt werden.“

Auch andere Skeptiker waren nicht sehr begeistert:

Bei einer solchen Diskussion sieht es zwar so aus, als ob Befürworter und Gegner am Podium miteinander diskutieren würden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es nicht nur zwei Parteien gibt, sondern auch noch eine dritte beteiligt ist: die Zuseher vor den Bildschirmen, die sich ihre Meinung bilden möchten. Genau diese Unentschlossenen sind die Zielgruppe unserer Öffentlichkeitsarbeit als Skeptiker. Diesen Personen sollte bei TV-Diskussionen unsere ganze Aufmerksamkeit zukommen. (Die Hoffnung, in einer TV-Sendung einen Homöopathen bekehren zu können, sollten wir uns ohnehin nicht machen.)

Politiker sind darin geschult, Fragen von Journalisten nicht zu beantworten, sondern möglichst elegant zu umschiffen und die eigene Botschaft durchzubringen. Auch Alternativmediziner verstehen dieses Spiel ganz gut. Ich habe versucht, mir die Diskussion mit den Augen eines unbeteiligten Zusehers anzusehen, und überlegt, wie sie wohl aus dieser neutralen Perspektive gewirkt hat. Im Folgenden möchte ich anführen, warum die Skeptiker trotz schlüssigerer Argumente nicht bei allen Zusehern punkten konnten.

  • Ich sehe grundsätzlich einen Nachteil darin, dass am Podium Mediziner die Homöopathie verteidigen, während als Gegner nur Vertreter anderer Fachrichtungen auftreten. Patienten werden eher einem erfahrenen Arzt vertrauen als Wissenschaftlern, die sich nur mit grauer Theorie und kalten Zahlen beschäftigen. (Laut der Initiative für wissenschaftliche Medizin gäbe es doch genügend Ärzte, die sich gegen Scheinmedizin einsetzen.) Die Diskussion darf nicht zu einem Duell zwischen Medizin und Naturwissenschaften verkommen. Auf die „guten Erfahrungen“ mit der Homöopathie sollte man auch noch näher eingehen. Man muss klarmachen, dass Homöopathen nicht deshalb eine Wirksamkeit der Homöopathie feststellen, weil sie feinfühliger sind, sondern auch dann beeindruckende Fortschritte bei ihren Patienten erkennen, wenn man ihnen die homöopathischen Präparate heimlich durch leere Zuckerkügelchen ersetzt.
  • Edmund Berndts Ausführungen über seine persönliche Fehde mit Professor Frass müssen auf jemanden, der die Vorgeschichte nicht kennt, befremdlich wirken. (Der Moderator hat an dieser Stelle richtigerweise eingegriffen, in einer Forumsdiskussion des Kurier findet man mehr Details dazu.) Auch sein aufgeladener Monolog über die zweifelhafte Geschichte der Homöopathie wird nicht viele überzeugt haben. Wir sollten uns nicht eine rein wissenschaftliche, sondern stärker patientenorientierte Argumentation aneignen. Wir sollten nicht verbissen gegen die unhaltbare Theorie der Homöopathie wettern, sondern zeigen, dass wir uns für eine gute medizinische Behandlung einsetzen. Angebrachte Kritik nicht nur an der Alternativmedizin, sondern auch an Missständen im Gesundheitssystem und gewissen Machenschaften der Pharmaindustrie würde unsere Glaubwürdigkeit unterstreichen.
  • Leider zählen bei einer Diskussion oft weniger die präsentierten Fakten als reine Sympathie. Alternativmediziner sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie Ruhe ausstrahlen und rhetorisch geschickte Redner sind, denen man gerne zuhört. Edmund Berndt ist sich im Klaren, dass er trotz umfangreichen Fachwissens nicht überzeugen kann, und meint auf die Frage, was er von Homöopathen lernen könne, ganz einfach: Charisma.
  • Ich finde es wichtig, dass man den Menschen, die der Homöopathie positiv gegenüberstehen, nicht das Gefühl gibt, dass sie blöd sind, wenn sie daran glauben. Das hören mündige Menschen gar nicht gerne! Einen wertvollen Beitrag dazu hat die Psychologin Ulrike Schiesser geliefert, indem sie erklärt hat, warum die Alternativmedizin ein höchst menschliches Bedürfnis nach Zuwendung befriedigt und wieso wir dazu neigen, derartigen Methoden eine positive Wirkung zuzusprechen.

Bei Fernsehdiskussionen bleibt ein Dilemma: Versuchen wir faktenbasiert mit Argumenten zu punkten, verlieren wir die Diskussion an die sympathischen Homöopathen. Greifen wir zu den gleichen populistischen Mitteln wie diese, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit. Es gilt, einen Mittelweg zu finden. Um zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen, schließe ich mich einem weiteren Tweet von Florian Freistetter an:

Wie man sachlich diskutieren kann, hat ja Florian Aigner sehr gut gezeigt.