Muskellesen? Von wegen!

Marko Kovic, der Präsident der Skeptiker Schweiz, hat sich als Versuchskaninchen für ein Experiment des „Tagesanzeigers“ zur Verfügung gestellt. In dem Videobeitrag gibt der „Mentalmagier“ Pat Perry vor, ein von Kovic gezeichnetes Symbol zu erraten. Perry betont, dass er keine Gedanken lesen könne, sondern lediglich unbewusste Muskelbewegungen des Skeptikers wahrnehme. Dazu müsse die Versuchsperson nur den Unterarm des Magiers halten und dabei an das Symbol denken. Auf Kovic macht das einen seriösen Eindruck – für ihn ist damit gezeigt, dass angebliche Gedankenleser keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzen, sondern einfach eine gute Wahrnehmung haben.

„Perry könne nicht Gedanken lesen, aber die Signale und Impulse, welche sein Gegenüber unbewusst aussendet, sei es mit Mimik, Gebärden oder beim Muskellesen mit unbewussten Druck- und Zugbewegungen. Perry nehme diese Signale wahr und verarbeite sie zu einem Modell, ist Kovic überzeugt. Der Mentalmagier habe offenbar sehr gute Menschenkenntnisse, er habe eine ausserordentliche situative Wahrnehmung und grosse Ahnung von Psychologie.“

Auch die GWUP übernimmt die Erklärung des Magiers widerspruchslos und berichtet unter dem Titel „Skeptiker testet Gedankenleser“ von einem „verblüffenden Ergebnis“:

„Bei dem hier vorgeführten Trick reagiert der Zauberkünstler offenbar auf leichte Muskelimpulse von Kovic, in der Psychologie als Carpenter-Effekt bekannt. Was er als Mentalmagier mache, so Perry, sei nichts Übernatürliches, sondern ein Mix aus vielen Techniken wie aus (Bühnen-)Zauberkunst, Psychologie und Menschkenntnis.“

Hat man sich hier vorschnell mit der Erklärung des Mentalmagiers begnügt und ihm Fähigkeiten angedichtet, die er für diesen Trick gar nicht braucht? Wie eine Videoanalyse zeigt, wurden hier keine Gedankenleser entlarvt, sondern die Skeptiker vorgeführt. Vorneweg: Hut ab vor Marko Kovic, der die Fahne des kritischen Denkens hochhält und sich auf Perry einließ. In der Situation selbst hätte wohl kaum jemand den Trick durchschaut, erst die Videoaufzeichnung bietet eine gute Möglichkeit, dem Zauberkünstler in die Karten zu schauen.

Der Versuch lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Perry wendet sich ab und bittet Kovic, mit einem Stift ein beliebiges Symbol auf eine Karte zu zeichnen und diese einzustecken. Nun soll Kovic mit der Hand den Unterarm des Künstlers festhalten (Bild 4). Dieser gibt vor, die Muskeln des Probanden zu lesen, und zeichnet schließlich jenes Symbol auf, das tatsächlich mit dem in der Hosentasche übereinstimmt.

Im Video fällt ein weiteres Element auf, das auf den ersten Blick gar keine Rolle zu spielen scheint. Während Kovic sein Symbol auf die Karte zeichnet, hält Perry einen Stapel Karten in der Hand (Bild 1). Er könnte Kovic bitten, seine Karte sofort einzustecken, doch stattdessen fordert er ihn auf, die Karte erstmal verdeckt auf dem Tisch zu platzieren. Perry dreht sich um und legt seinen Stapel auf die Karte (Bild 2), dann verwickelt er Kovic für kurze Zeit in Smalltalk. Erst jetzt soll er die Karte in seiner Hosentasche verstauen. Während Kovic mit dem Einstecken beschäftigt ist, wirft Perry einen schnellen Blick auf die Unterseite seines Stapels, wie man im Video gut erkennt (Bild 3).

Wozu ist der Stapel gut? In den Kommentaren zum Beitrag im Tagesanzeiger findet man die entscheidenden Hinweise:

„Von wegen «Muskeln lesen». Der Magier kopiert die Karte unter dem Stapel. Sonst könnte der Proband die Karte von Anfang an in die Hosentasche stecken. Also nur ein billiger Trick und der Skeptiker ist ihm voll auf den Leim gekrochen.“

Die User tippen darauf, dass der Trick mit beschichtetem CF-Papier und Mikrokapseln arbeitet, um das Symbol in wenigen Sekunden von der untersten Karte auf die nächste zu kopieren. Dabei handelt es sich um ein Durchschreibepapier, dessen Funktionsweise auf einer chemischen Reaktion zwischen zwei einander ergänzenden Schichten beruht. Wikipedia weiß dazu:

Die erste, übertragende Schicht, die so genannte CB-Schicht (Coated Back – beschichtete Rückseite), besteht aus Mikrokapseln, die einen in einem Bindemittel eingelagerten farbgebenden Stoff enthalten. Diese Kapseln mit einem Durchmesser von zehn Mikrometern enthalten z. B. farbloses Kristallviolettlacton. Wird mechanischer Druck auf diese Kapseln ausgeübt, so bersten sie und geben den Farbgeber frei, der von der zweiten, aufnehmenden Schicht, der so genannten CF-Schicht (Coated Front – beschichtete Vorderseite), absorbiert wird. Diese CF-Schicht besteht aus einer reaktiven Substanz („activated clay“), die mit dem Farbgeber z. B. zum blauvioletten Triphenylmethanfarbstoff reagiert und ein Abbild erzeugt.

Carbonless_copy_paper

By Юкатан – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23177071

Der Trick könnte also so funktionieren: Beim Zeichnen des Symbols werden durch den ausgeübten Druck Mikrokapseln auf der Rückseite der Karte zum Platzen gebracht, die für sich noch farblos sind. Erst wenn die geborstenen Kapseln mit der beschichteten Unterseite des Stapels in Kontakt kommen, reagieren sie und erzeugen dort ein färbiges Abbild. Der Mentalmagier braucht also weder Gedanken noch Muskeln zu lesen, es reicht völlig, kurz auf das Abbild auf der Unterseite des Stapels zu schauen.

Linktipp: Wer sich für das Thema Cold Reading interessiert, findet auf Seite Egomanie.com eine aufschlussreiche Lektüre zu den psychologischen Tricks hinter dem angeblichen Phänomen des Gedankenlesens.

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Ein Kommentar

  1. P.S.: Sorry, dass ich hier den Trick eines Zauberkünstlers verrate, aber wenn sich zwei Skeptikerorganisationen unkritisch äußern, ruft die Pflicht 😉

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