Monat: September 2015

Entgiftung nach der Narkose

Man könnte der Alternativmedizin zugute halten, dass sie es schafft, gläubige Patienten zu beruhigen und ihnen Hoffnung und Zuversicht zu schenken, obwohl sie keine spezifische Wirkung hat. Jedoch kann sich dieser Placeboeffekt schnell ins Gegenteil verkehren, wenn Verkäufer alternativmedizinischer Mittelchen nicht das Wohl der Patienten in den Mittelpunkt stellen, sondern durch Angstmache versuchen, die Verkäufe anzukurbeln. Eine einträgliche Strategie ist es, Menschen eine Angst vor angeblichen Umweltgiften einzuflößen und eine entsprechende Therapie zur Ausleitung dieser Gifte anzubieten. Besonders dreist wird es, wenn schwerkranken Patienten eingeredet wird, medizinische Behandlungen seien schädlich, und diese dann im Glauben, Alternativmedizin sei tatsächlich eine Alternative, auf notwendige Behandlungen verzichten. Alternativmedizin ist nicht immer harmlos!

Angst vor der Narkose

Ein Mythos, der in alternativmedizinischen Kreisen gerne gepredigt wird, ist die Notwendigkeit, nach einer Narkose den Körper zu entgiften, um die Giftstoffe der Narkosemittel auszuleiten. Ohne Entgiftung würden die Gifte ein Jahr lang im Körper verbleiben. Meine Mutter hat diese Behauptung etwa in einem Reformhaus aufgeschnappt und im alternativmedizinischen „Ratgeber“ Praxis Spagyrik gelesen. Zu den Sorgen über die eigentliche Krankheit gesellen sich so noch unberechtigte Ängste vor der lebensrettenden Behandlung. Patienten, die sich vor einer bevorstehenden Narkose fürchten, seien diese beiden Artikel nahegelegt:

Die Frage nach der Verweildauer der Narkosemittel wird in diesen beiden Artikeln bereits erläutert:

Darf ich gleich nach der Narkose wieder essen und trinken?
„Besser wäre, ein, zwei Stunden zu warten, bis man etwas isst oder trinkt“, empfiehlt Ilias. Zumindest so lange, bis der Körper die Narkosemittel wieder abgebaut hat und die Leber nicht mehr damit belastet ist, sollte man keinen Alkohol trinken: Der Abbau der Mittel dauert je nach Intensität der Narkose zwei bis zwölf Stunden.

Wenige Minuten nach Operationsende – schon im Aufwachraum ist der Patient bereits wieder ansprechbar – und hat kaum eine Erinnerung an den Narkosebeginn. Die gasförmigen Narkotika werden innerhalb kürzester Zeit wieder abgeatmet, die intravenös verabreichten Pharmaka wie z.B. Barbiturate baut die gesunde Leber innerhalb von 12 Stunden ab.

Mit zwei bis zwölf Stunden sind wir weit entfernt von der angeblichen Dauer von einem Jahr und können den Mythos als solchen entlarven. Wir wollen es aber noch genauer wissen und befragen die Fachliteratur:

  • Michael Freissmuth, Stefan Offermanns, Stefan Böhm: Pharmakologie und Toxikologie. Von den molekularen Grundlagen zur Pharmakotherapie. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2012, S. 246-248.

Pharmakologische Grundlagen der Narkose

Narkotika werden eingesetzt, um einen Zustand herbeizuführen, der chirurgische oder diagnostische Eingriffe unter Aufhebung der Schmerzempfindung, des Bewusstseins und des Erinnerungsvermögens erlaubt, die lebenswichtigen Funktionen jedoch aufrecht erhält. Narkotika werden nach deren Applikationsart in Injektionsnarkotika und Inhalationsnarkotika unterteilt. Zur ausreichenden Muskelrelaxation und Reflexdämpfung werden zusätzlich Muskelrelaxanzien verabreicht.

Die Begriffe Narkose und Anästhesie bzw. Narkotika und Anästhetika werden weitgehend synonym verwendet. Wirkstoffe können auf zwei Arten zugeführt werden: Inhalationsnarkotika werden über die Atemwege appliziert und möglichst ohne Verstoffwechslung wieder abgeatmet. Injektionsnarkotika werden intravenös zugeführt und über die Leber und Niere ausgeschieden. Diese wollen wir im Folgenden genauer betrachten.

Injektionsnarkotika

Injektionsnarkotika sind lipophil und wirken schnell, da sich die Wirkstoffe sofort an die lipophilen Anteile des zentralen Nervensystems anlagern. Danach erfolgt allerdings rasch eine Umverteilung in andere Gewebe wie Muskulatur und schließlich ins Fettgewebe. Die Dauer der narkotischen Wirkung ist daher nur kurz. Um die Narkose aufrechtzuerhalten, ist ein gewisser Plasmaspiegel erforderlich, daher müssen die Wirkstoffe kontinuierlich zugeführt werden. Die Geschwindigkeit der Umverteilung ist aber nicht konstant, sondern wird durch die in der Peripherie gespeicherte Menge, die Lipophilie des Wirkstoffs und die Metabolisierungsrate bestimmt.

Kontextsensitive Halbwertszeit

Das heißt, dass die Wirkdauer einer Narkotikagabe von der bereits verabreichten Menge abhängt. Eine spätere Verabreichung derselben Menge kann den für eine Narkose erforderlichen Plasmaspiegel länger halten als die erstmalige Gabe. Man spricht hier von einer kontextsensitiven Halbwertszeit. Sie gibt die Zeit an, in der die Konzentration eines Wirkstoffs im Blutplasma auf die Hälfte sinkt, und zwar in Abhängigkeit der bisherigen Dauer bzw. verabreichten Menge der Narkose. Je länger eine Narkose andauert, desto länger ist diese Halbwertszeit. Im Falle von Thiopental beträgt sie zu Beginn nur 5-15 Minuten, nach einer 8-stündigen Narkose hingegen ca. 200 Minuten.

Eliminationshalbwertszeit

Für unsere Fragestellung interessanter ist die Eliminationshalbwertszeit. Sie gibt an, wie lange der Körper braucht, bis er die Hälfte der ursprünglichen Wirkstoffmenge eines Arzneimittel über den Stuhl oder Harn tatsächlich ausgeschieden hat. Für Injektionsnarkotika werden folgende Werte angegeben:

  • Methohexital: 4 Stunden
  • Thiopental: 12 Stunden
  • Etomidat: 3 Stunden
  • Ketamin: 3 Stunden
  • Propofol: 2 Stunden

Exponentielles Zerfallsmodell

Wenn nach einer Halbwertszeit die Hälfte abgebaut ist, bedeutet das nicht, dass der Wirkstoff nach zwei Halbwertszeiten vollständig ausgeschieden ist. Da in einer Halbwertszeit immer 50% der noch vorhandenen Menge abgebaut werden, verläuft der Prozess zunächst rasch und dann immer langsamer. Das heißt, während der zweiten Halbwertszeit wird die Hälfte der verbliebenen Hälfte aus der ersten Halbwertszeit ausgeschieden, also ein Viertel. Somit ist nach 2 Halbwertszeiten noch 1/4 der ursprünglichen Menge übrig, nach 3 Halbwertszeiten noch 1/8, und so weiter. Der Abbau der Wirkstoffmenge lässt sich durch ein exponentielles Zerfallsmodell beschreiben:

m(t) = M * e^(-k*t)

Aus der ursprünglichen Wirkstoffmenge M können wir damit die Wirkstoffmenge m(t) nach t vergangenen Stunden berechnen. Die Eliminationskonstante k ergibt sich aus der Eliminationshalbwertszeit:

k = ln(2) / Eliminationshalbwertszeit

Wenn wir uns beispielsweise fragen, nach welcher Zeitdauer 99% des Wirkstoffes abgebaut sind, erhalten wir rechnerisch folgende Werte:

  • Methohexital: 27 Stunden
  • Thiopental: 80 Stunden
  • Etomidat: 20 Stunden
  • Ketamin: 20 Stunden
  • Propofol: 13 Stunden

Die meisten Wirkstoffe werden also innerhalb eines Tages fast vollständig abgebaut und nach der Entlassung aus dem Krankenhaus besteht kein Grund für eine „Entgiftung“! Mit diesem Modell können wir natürlich auch berechnen, wie viel Wirkstoffmenge theoretisch nach einem Jahr (entspricht 8760 Stunden) noch übrig ist. Die Ergebniswerte sind dermaßen klein, dass ich sie zum besseren Verständnis in homöopathischen Verdünnungen angegeben habe.

  • Methohexital: 5,6 mal 10 hoch minus 660, entspricht D660 oder C330
  • Thiopental: 1,8 mal 10 hoch minus 220, entspricht D220 oder C110
  • Etomidat: 9,8 mal 10 hoch minus 880, entspricht D880 oder C440
  • Ketamin: 9,8 mal 10 hoch minus 880, entspricht D880 oder C440
  • Propofol: 30,8 mal 10 hoch minus 1320, entspricht D1320 oder C660

Um diese Größenordnungen besser einordnen zu können: In Homöopathika ist ab der Verdünnung D23 bzw. C12 kein einziges Wirkstoff-Molekül mehr enthalten.

Mein Weg zu den Skeptikern

Heute möchte ich meine private Geschichte erzählen, wie ich zur Skeptikerbewegung gefunden habe und wieso ich mich heute für Wissenschaft und kritisches Denken einsetze.

Diagnose: Krebs

Die Krebsdiagnose meiner Mutter läutete für unsere Familie eine schwere Zeit ein. Ihre Erkrankung kam für uns alle aus heiterem Himmel. Sie konnte sich nicht erklären, wieso es gerade sie traf, schließlich ernährte sie sich gesund und lebte im Einklang mit der Natur. Als erster Übeltäter wurde die Mikrowelle ausgemacht: Wie konnte sie nur so blöd sein und darin Speisen aufwärmen, wo doch jeder weiß, wie schädlich das ist? Der Mikrowellenherd wurde aus der Küche verbannt.

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Hirschhausens Quiz des Menschen

In der heutigen Sendung von Hirschhausens Quiz des Menschen widmete sich Eckart von Hirschhausen erfreulicherweise auch einigen Skeptiker-Themen. Die Sendung ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar. Gleich der erste Themenblock befasste sich intensiv mit dem Placeboeffekt und den eindrucksvollen Selbstheilungskräften des Menschen:

  • Placebos wirken sogar dann, wenn Patienten wissen, dass sie ein Scheinmedikament einnehmen.
  • Ein Placebo kann Symptome verschlimmern und Nebenwirkungen hervorrufen.
  • Der Placebo-Effekt tritt auch bei Operationen ein, die nur zum Schein durchgeführt werden.

Der Nocebo-Effekt wurde anhand eines Handymastens erklärt. Wenn Menschen Angst vor Handystrahlen haben, schlafen sie schlechter, auch wenn der Mast gar nicht sendet. Zu den Scheinoperationen wurde auf die amerikanische Studie zu Kniearthrose-Patienten verwiesen, bei denen sich auch ohne Operation ein gleichwertiger Therapieerfolg einstellte.

Hirschhausen nahm Anbieter von Placebo-Produkten aufs Korn und präsentierte sein Biophotonen-Energiearmband mit Anti-Aging-Funktion. Mittels kinesiologischem Muskeltest wurde die Kraft des Powerbands demonstriert: Ohne Armband ließ sich eine Person auf einem Bein stehend aus dem Gleichgewicht bringen, als Hirschhausen am ausgestreckten Arm nach unten drückte – mit Armband hingegen blieb sie standhaft. (Wer’s noch nicht kennt: Beim ersten Mal drückt man senkrecht zu Boden oder vom Körper weg, beim zweiten Mal zum Körper hin.)

Einen Seitenhieb auf die Alternativmedizin gabs schließlich noch in einem Quiz, bei dem es um das erreichte Alter von verstorbenen Persönlichkeiten ging.

Steve Jobs ist einen tragischen Krebstod gestorben, tragisch auch deswegen, weil er sich, als er die Diagnose bekam, dafür entschieden hat, sozusagen alternativ zu behandeln. Er hat die Operation erstmal verweigert und nach allem medizinischen Wissen, hätte er sich erst operiert und danach alternativ/komplementär alles zusätzlich gemacht, hätte er länger leben können. Er hat das in seiner Biographie veröffentlicht, deswegen darf man darüber reden. Eines der Dinge, die er sehr bereut hat. Also: Die Medizin hat oft Möglichkeiten, die wirksam sind, und die sollte man natürlich auch alle nutzen. Was wäre das digitale Zeitalter ohne Steve Jobs, er wurde tatsächlich nur 56 Jahre.

Man hätte dies wohl etwas prägnanter formulieren können (und gängige Placebo-Behandlungen beim Namen nennen), dennoch ist es Eckart von Hirschhausen gut gelungen, Kritik an den Pseudowissenschaften im Unterhaltungsprogramm unterzubringen.