Trinkwassermythen

Unser Trinkwasser ist gut untersucht und meist einwandfrei. Auch wenn es tatsächlich vereinzelt lokal zu Problemen mit Trinkwasser kommt, spielen Schadstoffe im Trinkwasser bei uns keine große Rolle. Dennoch versuchen zahlreiche Anbieter von Wasserfiltern mit der Angst ein Geschäft zu machen.

Wenn es Probleme gibt, sind Wasserfilter keine Lösung, sondern es müssen die Ursachen beseitigt werden. Im Jahr 2000 beurteilte die Stiftung Warentest Wasserfilter als meist überflüssig. Sie würden Problemstoffe nur unzuverlässig entfernen, außerdem können sich Keime im Filter ansiedeln und abgegeben werden, wenn der Filter nicht regelmäßig getauscht wird.

Trinkwasserfilter mit zweifelhafter Wirksamkeit, aber zweifellos hohen Kosten werden auch über Strukturvertriebe angeboten. Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten und übertriebener Panikmache wird potentiellen Kunden Angst eingejagt, um sie vom Kauf eines teuren Geräts zu überzeugen. Beeindrucken soll das vor allem ältere Menschen und Familien mit Kindern.

Bild: Lupo / pixelio.de

Bild: Lupo / pixelio.de

Ich habe vor kurzem einen als Informationsveranstaltung getarnten Vortrag eines selbsternannten Experten besucht, und kann nur sagen, dass dort tatsächlich reine Angstmache betrieben wird. Sowohl Leitungswasser als auch Mineralwasser wurden als gefährlich dargestellt, sodass kein Weg am Kauf einer Filteranlage vorbeiführt. Selbst Verschwörungstheorien wurden nicht ausgelassen. Ich habe mir die Mühe gemacht, die aufgestellten Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und das Ganze zu dokumentieren.

Wenn jemand auf pseudowissenschaftliche Konzepte hereinfällt, muss man noch keine böse Absicht unterstellen – zitiert wird etwa das dubiose „Zentrum der Gesundheit“ und Meinungen aus dem 19. Jahrhundert. Wenn aber konkrete, leicht nachprüfbare Fakten (zum Beispiel Grenzwerte aus Verordnungen) falsch dargestellt werden, kann man von einem bewussten Täuschungsversuch sprechen.

Hier nun einige der Behauptungen mit den recherchierten Fakten und meinen Quellen:


„Nur reines, sauberes Wasser ist in der Lage, den Körper zu entschlacken.

Der menschliche Körper produziert keine „Schlacken“, die ausgeleitet werden müssen. Stoffwechselprodukte werden zuverlässig über die Niere und Leber ausgeschieden. „Entschlackung“ ist ein Konzept aus der Alternativmedizin, dessen Wirksamkeit nicht gegeben ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Entschlackung


„Rückstände von Hormonen, Arzneimitteln und Pestiziden könnten zwar von den Wasserwerken aus dem Trinkwasser gefiltert werden, doch die Information aus den Schadstoffen bleibt im Wasser gespeichert.“

Wasser hat kein Gedächtnis. Die Behauptung muss für viele zweifelhafte Produkte der „Wasserbelebung“ und und pseudomedizinische Verfahren herhalten, konnte aber nie gezeigt werden.

http://www.psiram.com/ge/index.php/Wasserged%C3%A4chtnis
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=319


„Wasserhähne im Haus geben Quecksilber und Cadmium ab, vor allem teure Markenprodukte. Daher würde es auch nichts bringen, wenn die Wasserwerke uns sauberes Trinkwasser liefern würden.“

Es ließen sich keine Belege finden, die diese Behauptung stützen.


„Nach Professor Vincent kann nur Trinkwasser unter 164 µS als entschlackend angesehen werden. Alles darüber kann man bereits als schädlich einstufen.“

Je nach Leitwert eine „entschlackende“ Wirkung zuzuweisen ist Nonsens. Louis-Claude Vincent war kein Mediziner, sondern ein französischer Ingenieur, der eine pseudowissenschaftliche Methode damit begründete. Der Leitwert sagt nichts über die „Schädlichkeit“ aus.

https://www.psiram.com/ge/index.php/Bio-Elektronische_Terrain-Analyse_nach_Vincent


„Nur in Österreich beträgt der Grenzwert 2500 µS, während in Deutschland ein Grenzwert von 400 µS gilt.

In Deutschland wurde der Grenzwert im Jahr 2011 auf 2790 µS (Mikrosiemens) angehoben. Er ist also sogar höher als in Österreich. Dieser Wert sagt aber nichts über die „Schädlichkeit“ des Wassers aus.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trinkwasserverordnung#Anlage_3_.28zu_.C2.A7.C2.A07_TrinkwV_.2B_Novellierung_Nov._2011.29


„In Österreich musste der µS-Grenzwert in den letzten Jahren immer wieder angehoben werden, da die Schädlichkeit des Wassers immer mehr zunimmt.“

Der µS-Wert ist der Leitwert des Wassers, der in Mikrosiemens pro Zentimeter (µS/cm) angegeben wird. Dieser entspricht nicht der „Schädlichkeit“, sondern sagt etwas über die Leitfähigkeit des Wassers aus. Je mehr Ionen gelöst sind, desto größer ist der Leitwert. Wasser mit einem hohen Mineralstoffgehalt hat demnach auch einen höheren Leitwert. Dennoch ist ein Grenzwert sinnvoll: Eine hohe Leitfähigkeit, die nicht geologisch bedingt ist, legt eine Verunreinigung mit anorganischen Stoffen nahe. Rückstände von Hormonen, Medikamenten oder Pestiziden tragen nicht zum Leitwert bei.

http://www.bmlfuw.gv.at/wasser/wasserqualitaet/chemphybegriffe.html


„Es kommt regelmäßig zu Überschreitungen der  Grenzwerte, doch die Behörden reagieren nicht.“

Man unterscheidet zwischen Indikatorparameterwerten (Richtwerten) und Parameterwerten (Grenzwerten). Sind Indikatorparameterwerte überschritten, kann das Wasser weiterhin als Trinkwasser verwendet werden. Hier ist zu prüfen, ob Maßnahmen erforderlich sind. Erst bei erhöhten Parameterwerten ist das Wasser nicht mehr verkehrsfähig. Die Grenzwerte sind so festgelegt, dass es selbst bei lebenslanger täglicher Aufnahme zu keiner gesundheitlichen Schädigung kommt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trinkwasserverordnung
http://www.bfr.bund.de/de/gesundheitliche_trinkwasser_leitwerte-53033.html
http://www.ooewasser.at/de/wasserversorgung/was-sagt-mein-trinkwasserbefund.html


„Die österreichische Mineralwasserverordnung lässt sogar noch deutlich höhere Grenzwerte zu als die Trinkwasserverordnung.“

Dem ist nicht so. Bei den Grenzwerten gibt es nur minimale Unterschiede, die Mineralwasserverordnung ist sogar oft strenger, z.B. bei Cadmium oder Kupfer. Beim Nitrat liegt der Grenzwert sowohl für Trinkwasser als auch für Mineralwasser bei 50 mg/l, für in Österreich gewonnene natürliche Mineralwässer gilt ein Nitrat-Grenzwert von 25 mg/l.

https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20001483
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20000003


„Der Grenzwert für Nitrat ist in Österreich mit 50 mg/l deutlich höher als in unseren Nachbarländern, wo höchstens 10 mg/l vorgeschrieben sind.“

Der Grenzwert für Nitrat liegt sowohl in Deutschland als auch in Österreich bei 50 mg/l. In der Schweiz sind 25 mg/l festgelegt. Nitrat ist in den Größenordnungen der Grenzwerte im Trinkwasser kein Problem. Über 70 % des aufgenommenen Nitrats (etwa 90 mg täglich) stammt ohnehin aus Nahrungsmitteln, hauptsächlich Gemüse. Hier ist Rucola mit einem Gehalt von häufig über 3000 mg/kg Spitzenreiter. Der von der WHO festgelegte Grenzwert für die gesamte Nitrataufnahme wird in Deutschland zu 40% ausgeschöpft. Der Körper selbst produziert etwa 100 mg Nitrat täglich.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trinkwasserverordnung
http://de.wikipedia.org/wiki/Nitrate#Gesundheitliche_Bedeutung
http://www.lgl.bayern.de/lebensmittel/chemie/kontaminanten/nitrat/
http://www.bmlfuw.gv.at/wasser/wasserqualitaet/grundwasser/nitrat_grundwasser.html


„Juvina-Mineralwasser war 2012-2013 verboten, da es einen µS-Wert von 2.300 hat. Erst nachdem der Grenzwert wegen Juvina auf 2.500 µS angehoben wurde, durfte es wieder ausgeliefert werden.“

Für diese Behauptung konnten keine Belege gefunden werden. Der µS-Wert sagt nichts über die „Schädlichkeit“ aus, sondern über die Menge gelöster Ionen. Was stimmt ist, dass Juvina einen hohen Mineralstoffgehalt hat, was gesundheitlich wünschenswert ist.

http://www.juvina.at/de/mineralwasser/mineralisierung
http://othes.univie.ac.at/1321/1/2008-10-06_0202826.pdf


„Vöslauer-Mineralwasser darf nicht nach Deutschland exportiert werden, da der Urangehalt über den deutschen Grenzwerten liegt.

Deutschland ist das größte Zielland für den Export von Vöslauer.

http://kurier.at/wirtschaft/marktplatz/voeslauer-wasser-fuer-die-deutschen/64.643.752


„Laut Dr. Mayo von der renommierten Mayo Clinic ist hartes, kalkhaltiges Wasser die Ursache von zahlreichen Krankheiten.

Dr. Charles Mayo gründete die Mayo Clinic im Jahr 1883, seitdem hat sich in der Wissenschaft einiges getan. Magnesium und Calcium sind für den Organismus essentiell, der Großteil wird aber ohnehin über die Nahrung aufgenommen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wasserh%C3%A4rte#Physiologische_Bedeutung
http://de.wikipedia.org/wiki/Mayo_Clinic


„Krankheiten, die von unserem Trinkwasser ausgelöst werden, nehmen immer mehr zu. Schließlich bekommen heutzutage auch schon Nichtraucher Krebs.“

Für diese Aussage konnte kein Beleg gefunden werden.


„Kalk im Trinkwasser führt zu Verkalkungen in den menschlichen Gefäßen.“

Kalkhaltiges Trinkwasser führt nicht zu Verkalkungen, etwa der Herzkranzgefäße. Zu den Risikofaktoren zählen Rauchen, hoher Blutdruck, Diabetes mellitus, ungünstige Cholesterinwerte, Bewegungsmangel oder auch Übergewicht – jedoch nicht Trinkwasser. Kalkhaltiges, hartes Trinkwasser kann zur Versorgung des Körpers mit Magnesium und Calcium beitragen.

http://www.herzstiftung.de/Kalk-Trinkwasser.html


„Bei Mineralwässern sollte man zu mineralstoffarmen Produkten mit einem möglichst niedrigen µS-Wertgreifen. Heilwässer mit besonders hohem Mineralstoffgehalt sollte man höchstens schluckweise zu sich nehmen.

Das Gegenteil ist der Fall. Mineralstoffreiches Wasser kann zur Deckung unseres Mineralstoffbedarfs beitragen, auch wenn der überwiegende Teil mit der Nahrung aufgenommen wird. Heilwasser ist besonders reich an Mineralstoffen. Oft enthalten Mineralwässer sogar weniger Mineralstoffe als Leitungswasser.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mineralwasser
https://www.test.de/Waesser-Nicht-viel-drin-1262319-2262319/#


„Ärzte sind nicht an unserer Gesundheit interessiert, sie verdienen nur an kranken Patienten. In Skandinavien werden Ärzte deshalb erst bezahlt, wenn der Patient wieder gesund ist.

Für diese Behauptung konnten keine Belege gefunden werden.


„Es gibt bis heute kein Foto vom Ebola-Virus. Würde Ebola tatsächlich existieren, müsste es auch ein Foto geben.

Das wird nur von Verschwörungstheoretikern behauptet. Das Ebola-Virus wurde von Wissenschaftlern erstmals 1976 in Zaire entdeckt. Dieses Bild wurde am 13. Oktober 1976 am CDC mit einem Elektronenmikroskop aufgenommen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ebolavirus

Ebolavirus. Quelle: Wikipedia

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4 Kommentare

  1. Also bevor ich zu dem (vielen) Quatsch hier mich äußere, wende ich mich lieber an die Leser: Versucht einfach mal eins aus: 1 Monat trinkt Ihr Wasser welches ja total unbedenklich ist. Vielleicht mit so 1000 ppm. Danach trinkt Ihr 1 Monat reines Wasser wie z. B. Lauretana, Plose oder Black Forest. Dann merkt Ihr schnell worauf es ankommt und merkt das hier viel Unfug steht. 😉

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